Göttinger Allerlei - Rundgang durch die Innenstadt


Start: Halle des Alten Rathauses



Die Führung beginnt in der Halle des Alten Rathauses. Hier begrüßt der Gästeführer die Besuchergruppe, stellt sich kurz vor und gibt einen überblick über die Stationen des Rundgangs. Bereits an diesem Ort lässt sich die Geschichte Göttingens in großen Linien erzählen: vom frühen Dorf „Gutingi“ über die aufstrebende Handelsstadt des Mittelalters bis hin zur bedeutenden Universitätsstadt.






Historische Einführung: Gutingi, Grona und die Anfänge der Stadt


Die erste bekannte Erwähnung Göttingens findet sich im Jahr 953, als König Otto I. das Kloster St. Moritz in Magdeburg unter anderem mit dem Ort „Gutingi“ beschenkt. Der Name wird meist mit Wasser, Bach oder Siedlung am Wasserlauf in Verbindung gebracht. Das frühe Dorf lag nicht genau dort, wo später die eigentliche Stadt entstand. Sein Siedlungskern befand sich beim Vorläufer des heutigen Reinsgrabens. Noch älter in der überlieferung ist die Burg Grona, die bereits 915 erwähnt wird und als Königspfalz der Ottonen diente.



Station 1: Das Alte Rathaus als Kaufhaus und Machtzentrum



Im Mittelalter wurde Göttingen zwischen etwa 1150 und 1200 unter Heinrich dem Löwen neu gegründet. Die Stadt gewann rasch an Bedeutung, vor allem durch Tuchherstellung und Handel. Das Alte Rathaus wuchs mit dem Reichtum der Kaufleute. Ursprünglich bestand es nur aus einem kleineren Flügel, später wurde es mehrfach erweitert. In den Quellen erscheint es häufig auch als „Kophus“, also Kaufhaus, weil die Kaufmannsgilde hier ihren Sitz hatte und zugleich den Stadtrat stellte.




Das Gebäude zeigt heute viele historistische Elemente, die im 19. Jahrhundert im Zuge einer Verschönerung ergänzt oder umgestaltet wurden. Die scheinbar gotischen Fenster, Zinnen und Wappeninschriften spiegeln nicht nur Mittelalterbegeisterung wider, sondern auch den Wunsch, die Stadtgeschichte glanzvoll sichtbar zu machen.









Station 2: Die Dorntze - Ratssaal, Warmluftheizung und städtischer Tresor



In der Dorntze, dem mittelalterlichen Ratssaal, wird Stadtgeschichte besonders anschaulich. Der Raum war das einzig beheizbare Zimmer im Rathaus. Durch öffnungen im Boden stieg warme Luft nach oben. Wer fror, stellte sich einfach über die Warmluftlöcher.









Dazu passte ein gut erreichbarer Weinkeller im selben Gebäude. Auch ein alter Tresor befand sich hier: oben lagen wichtige Dokumente, unten das wertvollere Geld.













Station 3: Das Gänseliesel am Markt



Vor dem Rathaus steht das bekannteste Wahrzeichen Göttingens: das Gänseliesel. Die Brunnenfigur wirkt älter, als sie tatsächlich ist. Erst nach einem Wettbewerb zur Neugestaltung des Marktbrunnens wurde sie 1901 aufgestellt. Die Bürgerschaft setzte sich dafür ein, obwohl die Jury ursprünglich einen anderen Entwurf bevorzugt hatte.







Besonders populär wurde das Gänseliesel durch den studentischen Brauch, die Figur nach bestandener Promotion zu küssen. Zwar wurde das Küssen 1926 offiziell verboten, doch die Tradition lebt bis heute fort. So wurde aus einer Brunnenfigur ein Symbol der Universitätsstadt.









Station 4: Georg Christoph Lichtenberg am Markt



In der Innenstadt begegnet man auch Georg Christoph Lichtenberg, einem der berühmtesten Gelehrten Göttingens. Er war Experimentalphysiker, Philosoph und scharfsinniger Schriftsteller. Die kleine Kugel mit Plus- und Minussymbolen verweist auf seine Forschungen zur Elektrizität. Zugleich erinnern seine Sudelbücher und Aphorismen an seinen Witz und seine Beobachtungsgabe.







Seine Lebensgeschichte verbindet wissenschaftliche Größe mit menschlicher Verletzlichkeit. Trotz körperlicher Beschwerden wurde er zu einer prägenden Gestalt der Göttinger Geistes- und Wissenschaftsgeschichte.











Station 5: St. Johannis



Hinter dem Rathaus erhebt sich die Kirche St. Johannis, eines der Wahrzeichen der Stadt. Ihre Geschichte ist eng mit der Entwicklung der mittelalterlichen Stadt verbunden. Zwar ist sie nicht die älteste Kirche Göttingens, doch ihre Lage nahe dem Rathaus und ihre zwei markanten Türme prägen das Stadtbild bis heute.








Der Bau zog sich über lange Zeit hin, und die Türme wurden erst im frühen 15. Jahrhundert vollendet. Lange Zeit lebte dort oben ein Türmer, der die Umgebung beobachtete. Später wohnten sogar Studenten in der Turmwohnung. Ein Brandanschlag im Jahr 2005 machte erneut deutlich, wie empfindlich historische Bausubstanz ist.








Station 6: Durch die Innenstadt in Richtung Börner-Viertel



Vom Markt aus führt der Weg weiter in Richtung Rote Straße und Börner-Viertel. Hier zeigt sich Göttingen von einer lebendigen, genussvollen Seite.












Das Viertel erinnert an den Fleischer Christian Börner, der mit der Göttinger Wurst verbunden wird. Schon Heinrich Heine erwähnte Göttingen ironisch als Stadt der Würste und der Universität.












Station 7: Wilhelmsplatz, Aula und Karzer



Am Wilhelmsplatz, dem „Willi“, steht die Aula der Universität. Sie wurde im Zusammenhang mit der 100-Jahr-Feier der Georgia Augusta im Jahr 1837 errichtet und von König Wilhelm IV. gestiftet. Das klassizistische Gebäude gehört zu den repräsentativsten Bauten der Stadt.










Eng mit diesem Ort verbunden ist die Geschichte der Göttinger Sieben. Nachdem Ernst August I. die Verfassung aufgehoben hatte, protestierten sieben Professoren gegen den Verfassungsbruch. Ihre Entlassung und teilweise Landesverweisung machten Göttingen weit über die Region hinaus bekannt.






Im selben Gebäude befand sich auch der berühmte Karzer, das Universitätsgefängnis. Studenten nahmen Arreststrafen oft erstaunlich gelassen hin.









Öffentliche Trunkenheit, nächtlicher Lärm oder andere Vergehen konnten zu einer kurzen Haft führen. Die Wände des Karzers wurden dabei reichlich mit Zeichnungen und Sprüchen versehen, die bis heute eine einzigartige studentische Erinnerungskultur sichtbar machen.










Station 8: Universität, Berühmtheiten und Erinnerungskultur



Seit ihrer Gründung 1737 entwickelte sich die Georgia Augusta rasch zu einer der bedeutendsten Universitäten Europas.












Schon nach wenigen Jahren studierten hier etwa 1000 junge Männer. Unter ihnen waren spätere Berühmtheiten wie Otto von Bismarck, der Göttingen trotz mancher studentischer Vergnügungen in guter Erinnerung behielt.












Abschluss der Führung



Der Rundgang verbindet mittelalterliche Stadtgeschichte, bürgerliches Selbstbewusstsein, studentische Traditionen, Wissenschaftsgeschichte und lokale Eigenarten. Gerade diese Mischung macht das Göttinger „Allerlei“ aus. Zwischen Rathaus, Markt, Kirchen, Universität und engen Gassen entsteht ein vielschichtiges Bild einer Stadt, die zugleich kleinräumig und weltbekannt ist.


Ich hoffe, Sie hatten Freude an diesem bebilderten Rundgang durch Göttingen. Weitere Sehenswürdigkeiten warten in der Innenstadt darauf, entdeckt zu werden.